
World Gin Day: Das Getränk, das London fast auslöschte
Kurz erklärt: Der World Gin Day wird jedes Jahr am zweiten Samstag im Juni gefeiert — 2026 fällt er auf den 13. Juni. Gegründet 2009 von Gin-Fan Neil Houston in Birmingham, seit 2013 von Emma Stokes („Gin Monkey“) weltweit koordiniert. Der Tag wird in über 30 Ländern begangen und erreicht mehr als 200 Millionen Menschen über Social Media. Feierlicher Anlass: den Wacholderschnaps in all seinen Varianten hochleben zu lassen.
London, 1733. Siebentausend Gin-Schankbuden auf einen Schlag, über die gesamte Stadt verteilt. Ein durchschnittlicher Stadtbewohner trinkt 14 Gallonen Gin im Jahr — das sind rund 53 Liter. Zum Vergleich: Heutzutage gilt schon ein Liter Wasser täglich als kleine Herausforderung. Was steckt hinter dem bemerkenswertesten Saufgelage der Stadtgeschichte — und wie wurde daraus ausgerechnet der weltweite Feiertag für das eleganteste Destillat der Moderne?
Der größte Irrtum: Gin ist englisch
Wer beim Wort „Gin“ sofort an Buckingham Palace, Big Ben oder royale Corgis denkt, liegt angenehm falsch. Der Ursprung des Wacholderschnaps liegt in den Niederlanden. Der Jenever — abgeleitet von „genever“, dem niederländischen Wort für Wacholder — wurde im 17. Jahrhundert in holländischen und flämischen Destillerien entwickelt und zunächst als Medizin eingesetzt. Nierenleiden, Gicht, Magenbeschwerden, Gallensteine: Der frühe Gin war Apotheke, kein Partyfüller.
Die Briten lernten das Getränk im Dreißigjährigen Krieg kennen, als englische Soldaten auf dem europäischen Kontinent kämpften und von holländischen Verbündeten vor der Schlacht mit einem Schnäpschen versorgt wurden. „Dutch Courage“ — der niederländische Mut — wurde zum geflügelten Wort. Der Ausdruck hat bis heute überlebt, obwohl kaum jemand noch weiß, woher er stammt.
Als Wilhelm von Oranien 1688 den englischen Thron bestieg, hatte er seinen Lieblingsschnaps im Gepäck und eine denkbar einfache Wirtschaftspolitik im Kopf: heimische Ginproduktion fördern, französischen Brandy ausbremsen. Lizenzen wurden abgeschafft, Steuern gesenkt, der Markt geöffnet. Was dann folgte, ist eines der erstaunlichsten Kapitel europäischer Sozialgeschichte.
14 Gallonen pro Kopf — als London sich selbst fast auslöschte
In den 1730er-Jahren war London eine Stadt im kollektiven Rausch. Aus 500.000 Gallonen Gin, die 1685 produziert worden waren, wurden in weniger als fünfzig Jahren über 11 Millionen Gallonen — eine Steigerung um mehr als das Zwanzigfache. An Gin-Shops prangten Schilder mit dem Angebot: „Besoffen für einen Penny, tot besoffen für zwei Pence, sauberes Stroh gratis.“ Das war kein ironischer Werbegag, das war ernstes Geschäftsmodell.
Das britische Parlament versuchte zwischen 1729 und 1751 insgesamt fünfmal, den Gin-Konsum mit Gesetzen einzudämmen — fünfmal, mit mäßigem Erfolg. Der Maler William Hogarth verewigte den gesellschaftlichen Verfall in seinem berühmten Stich „Gin Lane“: eine Straße voller torkelnder Menschen, vernachlässigter Kinder, blanker Verzweiflung. Das Pendant „Beer Street“ zeigte zur Abwechslung fröhliche, arbeitende Londoner. Die Botschaft war subtil wie ein Vorschlaghammer.
Erst steigende Getreidepreise und zunehmend strenge Lizenzierungen beendeten die sogenannte Gin Craze um 1757. London nüchterte sich langsam auf. Der Gin begann seinen langen Weg vom Elendstrank zum Gentleman-Getränk — und irgendwann zum Symbol kultivierter Abendrunden weltweit.
Vom Schmerzmittel zur Craft-Gin-Revolution
Heute ist Gin das Destillat mit dem vielleicht breitesten Geschmacksspektrum überhaupt. Wacholder bleibt Pflicht — was darüber hinaus in den Kessel kommt, ist vollständig Sache der Destillerie. Botanicals, auf Deutsch Botanika, heißen die Zutaten, die einem Gin seine Persönlichkeit verleihen: Koriander, Zitronengras, Rosen, Gurke, Lavendel, Kardamom, in einzelnen Fällen sogar Meeresalgen oder Fichtennadeln. Kein anderes Destillat lässt Herstellenden so viel kreativen Spielraum.
Die Craft-Gin-Revolution der 2010er-Jahre hat Destillieranlagen in ehemalige Lagerhäuser, Scheunen und Stadtkeller getrieben. Allein in Großbritannien existieren heute über 800 lizenzierte Gin-Destillerien — und damit mehr als in jedem anderen Land weltweit.
Den World Gin Day rief 2009 Neil Houston ins Leben, anfangs als persönliche Feierlichkeit mit einer Handvoll Freunden in Birmingham. Mit dem globalen Gin-Boom wuchs der Tag: Emma Stokes, bekannt als „Gin Monkey“, übernahm 2013 die Organisation und formte daraus ein echtes internationales Ereignis. Heute wird der World Gin Day in über 30 Ländern begangen, von London bis Tokio, von New York bis Sydney, mit Hunderttausenden von Veranstaltungen in Bars, Destillerien und auf Hausdächern. 2026 gibt es erstmals eine ganze World Gin Week — vom 13. bis 20. Juni. Eine Woche für einen Schnaps. Die Geschichte wiederholt sich, nur dieses Mal freiwillig und mit deutlich weniger Schwefel im Glas.
Wer dem Weltgintag also wirklich gerecht werden möchte, hat 2026 nicht nur 24 Stunden, sondern gleich sieben Tage Zeit. Das dürfte selbst für historisch informierte Verhältnisse ausreichen — ohne auch nur annähernd auf die berüchtigten 14 Gallonen zu kommen.


