29.08.2026 — Europäische Fledermausnacht

Europäische Fledermausnacht 2026 am 29. August: Warum Fledermäuse nicht blind sind und die Wissenschaft ihnen 140 Jahre lang das Falsche andichtete.

Europäische Fledermausnacht

Fledermausnacht: Der berühmteste Irrtum der Zoologie

Kurz erklärt: Die Europäische Fledermausnacht, international Batnight, findet immer am letzten vollständigen Augustwochenende statt — 2026 also am 29. und 30. August, zum 30. Mal. Angestoßen hat sie 1997 das UN-Abkommen EUROBATS, heute machen rund 38 Länder mit. In Deutschland organisieren NABU, LBV und regionale Verbände Hunderte Führungen. Anlass sind 25 heimische Fledermausarten, alle streng geschützt, viele davon bedroht.

Video: Europäische FledermausnachtMit Klick wird YouTube geladen — Datenübertragung an Google

Es gibt einen Satz, den fast alle sagen und fast niemand prüft: blind wie eine Fledermaus. Er ist schlicht falsch. Sämtliche der rund 1.400 Arten haben funktionierende Augen, manche Blütenbesucher in den Tropen sehen sogar ultraviolettes Licht.

Peinlich ist daran nicht, dass wir uns so etwas ausdenken. Peinlich ist, dass die Wissenschaft es schon 1794 besser wusste — und den Befund danach rund 140 Jahre liegen ließ, weil ein einziger sehr berühmter Mann die Nase rümpfte.

Der größte Irrtum: blind wie eine Fledermaus

Fledermäuse sehen. Nur nutzt ihnen das nachts über einem Waldrand ungefähr so viel wie dir eine Landkarte im Keller. Deshalb haben sie ein zweites System: Sie rufen und hören sich die Welt zurück. Aus der Verzögerung zwischen Ruf und Echo errechnet ihr Gehirn Entfernung, Größe, Richtung und Flugbahn — genau genug, um eine Mücke im freien Flug zu erwischen.

Diese Rufe sind kein zartes Fiepen. Sie liegen über unserer Hörgrenze, sind aber brachial laut, im Nahbereich vergleichbar mit einem Presslufthammer. Damit sich das Tier nicht selbst betäubt, spannt ein winziger Muskel im Mittelohr im Takt jedes Rufes an. Die Fledermaus schreit sich also durch die Nacht und schaltet dabei ihr eigenes Gehör kurz ab, hundertmal pro Sekunde.

Das Ergebnis ist unverschämt effizient. Die Zwergfledermaus, unsere häufigste Art, ist kaum größer als ein Daumen, fliegt bis zu 50 Kilometer pro Stunde und vertilgt in einer Nacht bis zu 4.000 Mücken. Wer im Sommer auf dem Balkon sitzt und nicht zerstochen wird, sollte kurz nach oben nicken.

Der Priester, der Glöckchen in einen dunklen Saal hängte

Die Geschichte beginnt 1793 in Pavia. Lazzaro Spallanzani ist katholischer Priester und einer der besten Experimentatoren seiner Zeit. Ihn lässt eine Beobachtung nicht los: Fledermäuse fliegen in stockfinsteren Räumen fehlerfrei, während seine Eulen längst gegen die Wand klatschen.

Also baut er einen Parcours. Von der Decke hängen Schnüre mit kleinen Glöckchen, dazwischen setzt er Fledermäuse aus, denen er das Augenlicht genommen hat. Und nichts passiert. Kein Glöckchen klingelt, keine Wand wird berührt. Die Tiere navigieren, als hätte sich überhaupt nichts geändert.

Spallanzani prüft daraufhin die naheliegende Erklärung — ein Tastgefühl in den Flughäuten. Er überzieht die Tiere mit Firnis und Mehlkleister. Sie fliegen weiter. Den entscheidenden Hebel findet 1794 der Genfer Arzt Louis Jurine: Er verschließt den Fledermäusen die Ohren mit Wachs, und dieselben Tiere stoßen prompt gegen jedes Hindernis. Spallanzanis Schluss danach: Das Ohr dieser Tiere leistet beim Sehen mehr als ihr Auge.

Wie ein einziger Mann die Forschung 140 Jahre aufhielt

Damit war die Antwort im Prinzip da — reichlich unvollständig, denn niemand konnte erklären, wie ein Tier mit den Ohren Hindernisse erkennt, wenn dabei nichts zu hören ist. In diese Lücke stieß Georges Cuvier, Begründer der vergleichenden Anatomie und über Jahrzehnte die lauteste Stimme der europäischen Naturforschung. Sein Urteil: Unsinn. Fledermäuse orientierten sich über einen außerordentlich feinen Tastsinn ihrer Flughäute.

Für diese Behauptung hatte Cuvier kein einziges Experiment gemacht. Er brauchte auch keines — er war Cuvier. Die Erklärung klang plausibel, kam von der richtigen Adresse und wanderte in die Lehrbücher. Spallanzani und Jurine galten fortan als Kuriosum mit fragwürdiger Methodik. Rund 140 Jahre lang stand das Falsche in den Büchern, weil eine Autorität lauter war als ihre Daten.

Aufgelöst hat es 1938 ein Student. Donald Griffin, damals im Grundstudium in Harvard, schleppt einen Käfig mit Fledermäusen zum Physiker G. W. Pierce, der ein Gerät gebaut hat, das Ultraschall in hörbare Frequenzen übersetzt. Der Apparat rattert los: Der angeblich stille Raum ist ein Tumult aus Rufen. Nicht die Tiere waren leise gewesen, wir waren taub. Mit dem Hörforscher Robert Galambos weist Griffin nach, dass die Tiere ihr eigenes Echo auswerten, und prägt dafür später den Begriff Echoortung.

Die Fachwelt reagierte ungefähr so gelassen wie Cuvier: Bei einer der ersten Präsentationen packte ein renommierter Physiologe den jungen Galambos an den Schultern, schüttelte ihn und rief, das könne er unmöglich ernst meinen.

So feierst du die Fledermausnacht

Der einfachste Weg: Geh hin. Zur Batnight bieten NABU, LBV und örtliche Gruppen Hunderte Abendführungen an Parks, Seen und alten Kirchtürmen an, oft mit Detektoren zum Ausleihen. Der Moment, in dem so ein Gerät das erste Mal knattert und über deinem Kopf etwas Unsichtbares vorbeizieht, ist schwer zu toppen.

Zuhause hilft weniger Licht mehr als jede Spende: Grelle Außenbeleuchtung vertreibt lichtscheue Arten aus ihren Flugrouten. Heimische Pflanzen und nachtblühende Stauden liefern Nachtfalter und damit Futter. Und wer saniert, sollte vorher nachsehen, ob unter den Dachziegeln jemand wohnt — quartiertreue Tiere kommen jahrzehntelang zum selben Spalt zurück. Verirrt sich eine ins Zimmer: Licht aus, Fenster weit auf, nicht mit bloßen Händen anfassen.

Was heute Nacht über deinem Kopf passiert

Die Bestände sind seit den 1950er Jahren dramatisch eingebrochen. Von den 25 Arten in Deutschland gelten vier als akut vom Aussterben bedroht, drei als stark gefährdet, fünf weitere als gefährdet. Die Gründe sind unspektakulär und deshalb hartnäckig: verschwundene Insekten, verschlossene Dachböden, zu viel Licht.

Die Batnight ist trotzdem kein Mitleidstermin, sondern eine Korrektur. Zwei Jahrhunderte lang war die Fledermaus das Tier, über das man Falsches erzählte — blind, blutrünstig, unheimlich. Nichts davon stimmt für die Arten vor deiner Haustür: Alle heimischen Fledermäuse fressen ausschließlich Insekten, und sehen können sie auch. Sie hören nur besser, als wir es 140 Jahre lang glauben wollten.

Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.




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