
Welt-Polio-Tag: Der Mann, der gegen Zucker verlor
Kurz erklärt: Der Welt-Polio-Tag findet jedes Jahr am 24. Oktober statt. Ins Leben gerufen hat ihn Rotary International, zu Ehren von Jonas Salk, dessen Impfstoff 1955 als erster vor Kinderlähmung schützte. Seit 1988 sind die Polio-Fälle weltweit um über 99 Prozent gesunken. Wildes Poliovirus kursiert nur noch in Pakistan und Afghanistan.
Wer in Deutschland vor 1998 geimpft wurde, erinnert sich wahrscheinlich nicht an eine Spritze, sondern an einen Zuckerwürfel mit einem rosa Fleck. Der schmeckte leicht bitter unter der Süße, und man durfte ihn ausnahmsweise ohne Diskussion essen. Kaum jemand wusste, dass dieser Würfel das Ende eines der erbittertsten Duelle der Medizingeschichte war. Und dass der Verlierer dieses Duells heute, Jahrzehnte später, doch noch gewinnt.
Der Verlierer heißt Jonas Salk. Ihm ist dieser Tag gewidmet. Und an ihm hängt ein Mythos, der so schön ist, dass er seit 70 Jahren unbeschadet weitererzählt wird.
Der größte Irrtum: Salk verzichtete auf Milliarden
Am 12. April 1955, einem Dienstag, verkündet ein Forscherteam in Ann Arbor, Michigan: Der Impfstoff wirkt. Er ist sicher, er schützt. In amerikanischen Städten läuten Kirchenglocken, Eltern umarmen auf offener Straße Fremde, Zeitungen drucken Sonderausgaben. Die Kinderlähmung war damals die Angst jedes Sommers: Schwimmbäder wurden geschlossen, Kinder lagen in Eisernen Lungen, weil ihre Atemmuskeln versagten.
Am Abend fragt der Fernsehjournalist Edward R. Murrow den Erfinder, wem das Patent gehöre. Salk antwortet: „Den Menschen, würde ich sagen. Es gibt kein Patent. Kann man die Sonne patentieren?“ Ein Satz für die Ewigkeit. Seitdem gilt Salk als der Mann, der freiwillig auf ein Vermögen verzichtet hat, und in manchen Rechnungen sind es Milliarden.
Die Wahrheit ist nüchterner. Die Anwälte der Stiftung, die seine Forschung bezahlte, hatten längst geprüft, ob sich der Impfstoff patentieren lässt. Ihr Ergebnis: eher nicht, weil die Methode auf bekannten Verfahren aufbaute. Das hat die Historikerin Jane S. Smith in ihrem Buch „Patenting the Sun“ nachgezeichnet. Salk hat also auf etwas verzichtet, das er vermutlich ohnehin nicht bekommen hätte. Das macht seinen Satz nicht falsch, er hat ihn ja gemeint. Es macht ihn nur weniger heldenhaft, als die Legende behauptet.
Drei Söhne und 1,8 Millionen Kinder
Was dagegen kein Mythos ist: wie weit Salk gegangen ist, um zu beweisen, dass sein Impfstoff funktioniert. Er setzte auf abgetötete Viren, die das Immunsystem trainieren, ohne krank zu machen. Bevor er ihn anderen Familien zumutete, impfte er sich selbst, seine Frau und seine drei Söhne.
Danach folgte 1954 der bis dahin größte Medizinversuch in der Geschichte der USA. Rund 1,8 Millionen Kinder machten mit, die „Polio Pioneers“, ein Teil bekam den Impfstoff, ein Teil ein Placebo, der Rest diente zum Vergleich. Bezahlt wurde das aus Spenden: Millionen Menschen schickten Münzen an die Aktion „March of Dimes“.
Würfelzucker schlägt Spritze
Und dann kommt Albert Sabin. Der Virologe hielt Salks Ansatz für eine Notlösung und arbeitete an einem Impfstoff mit abgeschwächten, aber lebenden Viren. Der Vorteil war unschlagbar: Er wird geschluckt, nicht gespritzt. Kein Pieks, kein Arzt nötig, billig, schnell, ideal für Massenimpfungen. Sabin soll Salks Arbeit sogar als „Küchenchemie“ abgetan haben. Die beiden Männer verband bis zum Schluss eine gepflegte Abneigung.
Die Welt entschied sich für Sabin. Auch die Bundesrepublik, wo 1961 noch über 4.600 Menschen an Polio erkrankten und rund 300 starben. Salks Spritze gab es zwar schon, aber kaum jemand ließ sich impfen. Ab 1962 wurde in allen Bundesländern geschluckt, unter dem Motto „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“. Noch im selben Jahr sank die Zahl der Erkrankten auf rund 290. Salk bekam nie den Nobelpreis, und in die wichtigste Akademie seines Landes wurde er auch nicht aufgenommen.
Warum am Ende doch die Spritze bleibt
Sabins süßer Impfstoff hatte einen Haken, und der wurde umso sichtbarer, je seltener das echte Virus wurde. Die lebenden Impfviren können in ganz seltenen Fällen selbst eine Lähmung auslösen. Solange Tausende Kinder jedes Jahr an wildem Polio erkrankten, war das ein akzeptabler Preis. Als in Deutschland kaum noch echte Fälle auftraten, war es keiner mehr. Im Januar 1998 empfahl die Ständige Impfkommission deshalb, nur noch mit dem abgetöteten Impfstoff zu impfen. Mit der Spritze also. Mit Salks Prinzip.
Weltweit läuft es auf dasselbe hinaus. Die Schluckimpfung bleibt vorerst das Werkzeug, um die letzten Ausbrüche schnell zu ersticken. Doch der Plan der globalen Ausrottungskampagne sieht vor, dass sie nach dem Ende von Polio komplett verschwindet. Übrig bleiben soll dann nur eine Methode: die von Jonas Salk, dem Verlierer von 1962.
Eine kleine Pointe zum Schluss: Rotary International, das seit 1985 über 2 Milliarden Dollar in den Kampf gegen Polio gesteckt hat, begründet den Termin mit Salks Geburtstag. Geboren wurde er allerdings am 28. Oktober 1914. Vier Tage daneben, und trotzdem genau richtig, denn um ein paar Tage Verspätung ging es bei ihm schon immer.
So feierst du den Welt-Polio-Tag
Such deinen Impfpass. Ernsthaft, den gelben Heftchen-Klassiker, der irgendwo zwischen Garantiescheinen und alten Zeugnissen liegt. Steht dort eine vollständige Polio-Grundimmunisierung, ist alles gut. Fehlt sie oder planst du eine Reise in ein Land mit Polio-Fällen, ist das ein Thema für die nächste Hausarztpraxis.
Und dann frag mal in der Familie herum, wer sich noch an den Zuckerwürfel erinnert. Die Antworten reichen erfahrungsgemäß von „lecker“ bis „widerlich“, und meistens kommt dabei eine Geschichte heraus, die man noch nicht kannte. Das ist das eigentliche Geschenk dieses Tages: dass eine Krankheit, vor der früher jeder Sommer Angst hatte, für die meisten von uns nur noch eine Erinnerung an Zucker ist.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


