
Weltlöwentag: Die Jagd, die nie stattfand
Kurz erklärt: Der Weltlöwentag wird jedes Jahr am 10. August begangen. Gegründet haben ihn 2013 die Tierfilmer Dereck und Beverly Joubert gemeinsam mit National Geographic und der Big Cat Initiative, um auf den Rückgang wildlebender Löwen aufmerksam zu machen. In Afrika leben heute noch rund 20.000 Tiere, vor hundert Jahren waren es ein Vielfaches. In Asien existiert nur noch eine einzige wilde Population: 891 Löwen im indischen Bundesstaat Gujarat, gezählt im Mai 2025.
Fast alles, was wir über Löwen zu wissen glauben, hat einen Ort: die Savanne, ein Akazienbaum, irgendwo südlich der Sahara. Diese Geschichte spielt woanders. Sie spielt in einem staubigen Trockenwald in Westindien, sie beginnt mit einem Mann, der ein Gewehr in der Hand hält, und sie endet damit, dass er nicht abdrückt. Ohne diese eine abgesagte Jagd gäbe es heute vermutlich keinen einzigen wilden Löwen außerhalb Afrikas.
Ein Vizekönig, ein Leserbrief und sechzig Löwen
Um die Jahrhundertwende war eine Löwenjagd im Gir-Wald das, was heute ein Staatsbankett ist: eine Höflichkeit unter Mächtigen. Der Fürst von Junagadh lud Lord Curzon ein, den Vizekönig von Indien und damit den mächtigsten Mann des Subkontinents. Elefanten, Treiber, ein ganzer Tross – das komplette Programm. Curzon sagte zu. Er wollte einen Löwen.
Kurz vor dem Termin erschien in einer Zeitung ein Leserbrief. Anonym, kurz, ziemlich unhöflich: Was für ein Bild gebe ein Vizekönig ab, der eine Art zur Strecke bringe, die es fast nicht mehr gebe? Wie viele Löwen es damals noch gab, ist bis heute umstritten – Schätzungen für die Jahre um 1900 liegen zwischen einem knappen Dutzend und siebzig Tieren. Klar ist nur: es war der Rest, weltweit. Curzon sagte die Jagd ab. Und er beließ es nicht dabei, sondern bat den Fürsten, die Tiere zu schützen. Der Nawab Rasul Khanji schrieb ihm im April 1901 zurück, seine größte Sorge seien Löwen, die das Fürstentum verlassen und außerhalb seiner Zuständigkeit erschossen würden. Jagen durfte fortan nur, wer eine Sondergenehmigung des Staates hatte. Bis 1909 wurde daraus ein Schutzgebiet – das erste seiner Art in Britisch-Indien. Ob der Leserbrief echt war oder vom Fürsten selbst platziert wurde, weiß niemand. Gewirkt hat er so oder so.
Warum in Indien überhaupt Löwen leben
Der Asiatische Löwe ist kein Zufallsgast. Er ist der Rest eines Verbreitungsgebiets, das einmal vom Balkan über die Türkei und Persien bis nach Indien reichte. Der Nemeische Löwe des Herakles, die Löwen der Bibel, die Löwen auf assyrischen Reliefs: alles Tiere aus dieser Population, nicht aus Afrika. In Griechenland verschwanden sie in der Antike, in Persien wurde das letzte Exemplar in den 1940er-Jahren gesehen. Übrig blieb der Gir-Wald.
Wer sie nebeneinander sieht, erkennt die Unterschiede sofort. Asiatische Löwen sind etwas kleiner, ihre Mähne ist kürzer und schütterer – die Ohren bleiben sichtbar, was afrikanischen Männchen so gut wie nie passiert. Fast alle tragen eine auffällige Längsfalte aus Haut am Bauch. Und ihr Sozialleben funktioniert anders: Die Männchen leben nicht dauerhaft im Rudel, sondern stoßen nur zur Paarung oder zu einem großen Riss dazu. Der Preis für das knappe Überleben ist allerdings genetisch. Jeder heute lebende Asiatische Löwe stammt von jener winzigen Restgruppe ab, die Curzon nicht geschossen hat. Das ist ein extrem enges Nadelöhr, und man sieht es der Population bis heute an.
Löwen, die durch Zuckerrohrfelder nach Hause gehen
Die 16. Zählung im Mai 2025 ergab 891 Tiere, ein Plus von 32 Prozent gegenüber 2020. Der eigentlich verblüffende Teil steckt aber in der Aufteilung: Nur 394 dieser Löwen leben im geschützten Kerngebiet des Gir-Nationalparks. Die Mehrheit, gut 500 Tiere, lebt außerhalb – in Zuckerrohrfeldern, Mangohainen, an Küstenstreifen, entlang von Landstraßen und Bahngleisen. Im Sanctuary Barda bei Porbandar wurden 2025 wieder 17 Löwen gezählt, die ersten dort seit 1879.
Das heißt im Alltag: In Gujarat teilen sich Menschen und Großkatzen dieselben Wege. Ein Löwe, der nachts über einen Feldweg trottet, ist dort kein Ereignis, sondern Verkehr. Das geht erstaunlich oft gut, weil Entschädigungen für gerissenes Vieh zügig gezahlt werden. Reibungsfrei ist es trotzdem nicht – Züge, Brunnenschächte und Straßen fordern jedes Jahr Tiere. Der Erfolg von Gir ist kein Naturschutz-Märchen, sondern ein täglich neu ausgehandelter Kompromiss.
So feierst du den Weltlöwentag
Das Naheliegende zuerst: Wenn du in den nächsten Wochen einen Zoo besuchst, schau nach, ob dort Asiatische Löwen leben – mehrere europäische Zoos halten sie im koordinierten Zuchtprogramm, und das Schild am Gehege verrät es. Ansonsten: eine der Dokumentationen der Jouberts anschauen, eine Patenschaft verschenken, oder schlicht die Frage in eine Runde werfen, wie viele wilde Löwen es außerhalb Afrikas noch gibt – und zusehen, wie alle daneben raten.
Was der Weltlöwentag wirklich feiert
Dereck und Beverly Joubert haben jahrzehntelang Großkatzen gefilmt und dabei gemerkt, dass sie beim Drehen mit ansehen, wie ihr Motiv verschwindet. 2009 gründeten sie mit National Geographic die Big Cat Initiative, 2013 kam der Weltlöwentag dazu. Der Anlass ist also keine alte Tradition, sondern eine ziemlich junge Notbremse.
Und genau deshalb ist die Geschichte aus Gir die passende zum Datum. Sie zeigt nicht, dass sich alles von allein regelt, sondern wie schmal der Grat ist: ein Mann, der eine Trophäe wollte, ein anonymer Zettel in einer Zeitung, ein Fürst, der eine Verordnung erlässt. Aus wenigen Dutzend Tieren sind fast neunhundert geworden – über hundertzwanzig Jahre und viele Menschen, die sich einen Löwen als Nachbarn gefallen lassen. Am 10. August wird deshalb weniger die Großkatze gefeiert als die Möglichkeit, dass eine Entscheidung von heute in hundert Jahren noch atmet.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


