
IDAHOBIT: Als die WHO über Nacht eine Krankheit abschaffte
Kurz erklärt: Der IDAHOBIT wird jedes Jahr am 17. Mai begangen. Das Datum erinnert an den 17. Mai 1990, an dem die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität endlich aus ihrem Krankheitsverzeichnis strich. Initiiert wurde der Tag 2005 vom französischen Aktivisten Louis-Georges Tin — heute machen weit über 130 Länder mit.
Stell dir vor: Du wachst am 16. Mai 1990 auf und bist offiziell krank. Du gehst am 17. Mai 1990 ins Bett — und plötzlich nicht mehr. Nichts an dir hat sich verändert, kein Hustensaft, kein Pflaster, kein Eingriff. Geändert hat sich nur ein Eintrag in einem Katalog. Aber dieser Katalog hieß ICD-10, kam von der WHO und galt weltweit. Und genau dieser bürokratische Federstrich ist der Grund, warum wir heute den IDAHOBIT feiern.
Ein Aktivist, ein Datum, ein bisschen Trotz
Die Idee hatte 2004 ein französischer Wissenschaftler namens Louis-Georges Tin. Tin sammelte über 24.000 Unterschriften und überzeugte Organisationen weltweit, gemeinsam einen Tag zu setzen, der nicht auf Stolz zielt — wie es Pride seit Jahrzehnten tut — sondern auf Diskriminierung selbst. Der erste IDAHO startete am 17. Mai 2005. Ein Datum, das niemand zufällig wählte. Es war eine Erinnerung mit Adresse: die WHO in Genf.
Witzig ist die Geschichte des Namens. Begonnen als „International Day Against Homophobia“ wurde der Tag 2009 um Transphobie erweitert. 2015 kamen Bisexuelle dazu, 2016 intergeschlechtliche Menschen. Mittlerweile heißt er teilweise IDAHOBITA — das A steht für Asexualität. Die Abkürzung wächst, weil unsere Aufmerksamkeit wächst. Das ist nicht „Wokeness gone wild“, das ist Buchhaltung der Sichtbarkeit.
WHO 1990: Der Federstrich, der alles veränderte
Was am 17. Mai 1990 eigentlich passierte, klingt heute fast banal — und ist es überhaupt nicht. Die WHO veröffentlichte die ICD-10, ihre zehnte Revision des internationalen Klassifikationssystems für Krankheiten. Und sie strich aus diesem Verzeichnis die Kategorie „Homosexualität“. Vorher stand sie da. Schwarz auf weiß. Neben Schizophrenie und Depressionen. Mit der Konsequenz, dass weltweit Psychiater Konversionstherapien, Elektroschocks und Hormonbehandlungen verschrieben — und sich dabei auf „die Medizin“ beriefen.
Pikant: Die WHO war hier nicht die erste. Die amerikanische Psychiater-Vereinigung hatte Homosexualität bereits 1973 aus ihrem DSM gestrichen. Aber die WHO ist global. Erst ihr Schritt machte den Wandel zur Norm. Noch bitterer: Transgeschlechtlichkeit blieb in der WHO-Liste bis 2019. Erst mit der ICD-11 verschwand sie aus dem Kapitel „Psychische Störungen“ und wanderte in einen neutraleren Bereich. Knapp dreißig Jahre Verspätung. Geschwindigkeit war noch nie die Stärke globaler Gremien.
Wo es heute noch wehtut: 65 Länder, ein Problem
Wer denkt, das Thema sei in Mitteleuropa erledigt, möge bitte einen Globus mitbringen. Laut ILGA World wird homosexueller Sex aktuell in rund 65 Ländern strafrechtlich verfolgt. In zwölf davon droht die Todesstrafe. Das ist keine ferne Vergangenheit, das ist Stand 2026. Selbst in Europa schwankt die Akzeptanz dramatisch — in Ungarn wurde 2021 ein Gesetz verabschiedet, das die „Darstellung“ von Homosexualität an Minderjährige verbietet, und Pride-Paraden werden regelmäßig blockiert oder mit Auflagen erstickt.
Und Deutschland? Hier hat sich viel getan: Die „Ehe für alle“ kam 2017, das Selbstbestimmungsgesetz 2024 erleichtert den Geschlechtseintrags-Wechsel. Trotzdem zeigt der jährliche LSBTIQ*-Hate-Crime-Bericht des Bundesinnenministeriums seit Jahren steigende Zahlen — über 1.700 erfasste Fälle 2023. Der Federstrich der WHO war ein Anfang, kein Schlusspunkt.
Mehr als Regenbögen: Warum der 17. Mai nicht Pride ist
Pride und IDAHOBIT werden gerne in einen Topf geworfen. Sind sie aber nicht. Pride feiert — Sichtbarkeit, Selbstbewusstsein, Identität. IDAHOBIT konfrontiert — mit Diskriminierung, Gewalt und der Frage, warum diese Themen weiterhin Tagesschau-Material sind. Der eine Tag ist Feier, der andere ist Mahnung. Beides braucht es. Wer auf Pride tanzt, vergisst leicht, dass anderswo Menschen für genau dieses Tanzen ins Gefängnis kämen.
Spannend: Das Datum 17. Mai schreibt sich in vielen Ländern als „17/5“, und 175 war früher der Paragraph im deutschen Strafgesetzbuch, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte. Eingeführt 1872 vom Kaiserreich, von den Nazis 1935 verschärft, in Westdeutschland erst 1994 endgültig abgeschafft. Manche Aktivist:innen lesen das Datum als doppelte Erinnerung — an die WHO 1990 und an den unrühmlichen Paragraph 175.
So feierst du den IDAHOBIT
Feiern ist beim IDAHOBIT vielleicht das falsche Wort — „begehen“ trifft es besser. Hör Podcasts oder lies Bücher von LGBTQIA+-Autor:innen, deren Perspektive du nicht jeden Tag mitkriegst. Spende an Organisationen wie den LSVD, die Magnus-Hirschfeld-Bundesstiftung oder lokale Queer-Beratungsstellen. Geh zu einer der Aktionen in deiner Stadt — von Hamburg bis München gibt es Kundgebungen, Filmabende und Gespräche. Trag eine Regenbogen-Schleife. Oder, viel wichtiger: Wenn das nächste Mal jemand am Stammtisch einen Spruch raushaut, sag was. Stille ist mit das Bequemste, was Diskriminierung passieren kann.
Und falls du selbst zur Community gehörst: Heute ist ein guter Tag, dich daran zu erinnern, dass du nicht krank bist. Du warst es nie. Es hat nur ein bisschen gedauert, bis das auch im Aktenordner stand.


