
World Wide Web Day: Bitte nicht ausschalten
Kurz erklärt: Der World Wide Web Day wird jedes Jahr am 1. August gefeiert. Er erinnert an die Erfindung des World Wide Web durch den Briten Tim Berners-Lee, der sein Konzept im März 1989 am Forschungszentrum CERN in Genf vorlegte. Die erste Website ging am 20. Dezember 1990 online, öffentlich vorgestellt wurde das Projekt im August 1991. Am 30. April 1993 gab das CERN die Software gemeinfrei frei.
Auf einem schwarzen, würfelförmigen Rechner unter einem Schreibtisch in Genf klebte einmal der vermutlich folgenreichste Zettel der Technikgeschichte. Handgeschrieben, in roter Schrift, sinngemäß: Diese Maschine ist ein Server. NICHT AUSSCHALTEN. Kein Ausrufezeichen zu viel, wie sich später herausstellte.
Der Grund für die Panik war banal: Das CERN fährt über die Weihnachtsfeiertage die Rechner herunter, um Strom zu sparen. Und auf diesem einen Gerät lief die einzige Website der Welt. Hätte jemand aus Ordnungsliebe den Stecker gezogen, wäre das World Wide Web wochenlang offline gewesen — und zwar zu hundert Prozent, nicht zu 0,3.
Die Zahl, die alles erklärt: null
Rechne kurz mit: ein Cent pro Seitenaufruf, weltweit, seit den Neunzigern. Wer diese Gebühr hätte kassieren dürfen, wäre heute reicher als jede Tech-Dynastie. Stattdessen steht in der Bilanz des World Wide Web eine sehr ordentliche Null: null Patente, null Lizenzgebühren, null Ansprüche.
Das war keine Schwäche, sondern der eigentliche Trick. Damals lag ein Konkurrent technisch vorne: Gopher, ein aufgeräumtes Menüsystem der Universität von Minnesota — schneller, sortierter, beliebter. Dann kündigte die Universität an, für Server künftig Lizenzgebühren zu verlangen, und die Fachwelt bekam Angst vor der Rechnung. Wenige Wochen später legte das CERN das Gegenteil auf den Tisch: ein Dokument, das die gesamte Web-Technik gemeinfrei machte. Für alle. Für immer. Für nichts.
Ein Zettel in roter Schrift und ein Weihnachtsurlaub
Die Maschine unter dem Schreibtisch war ein NeXT-Rechner, ein schwarzer Würfel aus der Firma, die Steve Jobs nach seinem Rauswurf bei Apple gegründet hatte. Teuer, elegant, kaum verkauft — und ausgerechnet auf diesem Ladenhüter entstand der erste Browser der Welt. Er hieß schlicht WorldWideWeb.
Interessant ist, was dieses erste Programm zusätzlich konnte: schreiben. Es war Browser und Editor in einem, jede Seite ließ sich direkt bearbeiten. Berners-Lee dachte das Netz von Anfang an als Zwiegespräch, nicht als Schaufenster. Diese zweite Hälfte ging auf dem Weg in die Welt verloren — die Nachfolge-Browser konnten nur noch lesen. Dass heute alle publizieren können, hat sich das Netz erst zwanzig Jahre später zurückgeholt, über Blogs und soziale Netzwerke.
Vage, aber aufregend: das beste Lob der Technikgeschichte
Im März 1989 legte Berners-Lee seinem Vorgesetzten Mike Sendall ein Papier auf den Tisch, in dem er ein System aus verknüpften Dokumenten beschrieb, quer über alle Rechner des Labors. Sendall las es, verstand ungefähr die Hälfte und schrieb oben auf die erste Seite drei Worte, die heute in Museen ausgestellt werden: vage, aber aufregend.
Genehmigt wurde das Projekt damit nicht. Es bekam kein Budget, keinen Auftrag, keine Abteilung. Was es bekam, war ein Chef, der einen teuren NeXT-Rechner anschaffte — offiziell, um die neue Hardware zu evaluieren, praktisch, damit sein Mitarbeiter nebenbei weiterbasteln konnte. Ohne diese kleine Unehrlichkeit in der Beschaffung gäbe es die Seite nicht, die du gerade liest.
Ein Jahr später schrieb Berners-Lee den Vorschlag gemeinsam mit dem belgischen Ingenieur Robert Cailliau neu, diesmal konkret genug. Am 20. Dezember 1990 ging die erste Website der Welt online — eine Bedienungsanleitung für sich selbst.
Kurz gefragt, kurz geantwortet
Ist das Web dasselbe wie das Internet? Nein, und das ist mehr als Erbsenzählerei. Das Internet ist die Verkabelung, die es schon seit den Sechzigern gibt: Leitungen, Adressen, Datenpakete. Das Web ist die Oberfläche darauf, also Seiten, Links, Klicks. Die Straße gab es lange vor dem Verkehr — E-Mail fuhr dort schon.
Und warum ausgerechnet der 1. August? Ehrliche Antwort: Das weiß niemand genau. Die Erfindung fällt in den März 1989, die erste Website in den Dezember 1990, die öffentliche Vorstellung in den August 1991. Wer den 1. August zum Ehrentag erklärt hat, ließ sich bis heute nicht ermitteln — der Feiertag des Netzes ist selbst ein ungelöster Fall im Netz. Passender geht es kaum.
So feierst du den World Wide Web Day
Ruf die allererste Website auf. Sie liegt bis heute unter info.cern.ch, ohne ein einziges Bild. Zwei Minuten dort tun jedem gut, der sich über Ladezeiten aufregt.
Oder mach das, was das Web eigentlich vorhatte: schreib selbst etwas hin. Ein Kommentar, ein Rezept, ein eigener kleiner Blog. Das Netz war als Werkzeug zum Mitschreiben gedacht, nicht als Fernseher mit Suchfeld. Und wenn es schnell gehen soll: Schick jemandem einen Link zu etwas, das er nie gesucht hätte. Genau dafür wurde das Ding gebaut.
Das Netz gehört niemandem — und deshalb allen
Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London saß Tim Berners-Lee vor den Augen von hunderten Millionen Menschen noch einmal an einem alten Rechner. Rund um das Stadion leuchteten vier Worte auf, die er in diesem Moment abschickte: This is for everyone. Das ist für alle.
Man kann das für Pathos halten — oder für die nüchternste Beschreibung eines Geschäftsmodells, das nie eines war. Die wertvollste Erfindung ihrer Zeit wurde verschenkt, und genau deshalb gibt es sie. Hätte jemand sie behalten, läge sie heute im Archiv neben Gopher.
Der 1. August ist deshalb kein Gedenktag für Fachleute. Er ist der Jahrestag einer Entscheidung: etwas herzugeben, statt es zu besitzen. Der Zettel auf dem schwarzen Würfel gilt übrigens weiterhin. Bitte nicht ausschalten.


