
Linkshändertag: Die neun Jahre, die es nie gab
Kurz erklärt: Der Internationale Linkshändertag fällt jedes Jahr auf den 13. August. Ausgerufen hat ihn 1976 der Amerikaner Dean R. Campbell, der ein Jahr zuvor die Vereinigung „Lefthanders International“ gegründet hatte. Den Termin legte er bewusst auf einen Freitag, den 13., um den Aberglauben gegen die linke Hand vorzuführen. Rund jeder zehnte Mensch schreibt links.
Anfang der Neunziger lag in Südkalifornien in vielen Briefkästen ein Fragebogen, den man so nicht jeden Tag bekommt. Er ging an Menschen, die gerade eine Beerdigung hinter sich hatten, und wollte nur eines wissen: Mit welcher Hand hat die verstorbene Person geschrieben? Verschickt hatten ihn die Psychologin Diane Halpern und ihr Kollege Stanley Coren — 2.875 Stück an Angehörige aus zwei kalifornischen Countys. Zurück kamen 987 verwertbare Antworten.
Das Ergebnis war eine Schlagzeile, wie Redaktionen sie lieben: Die Rechtshänder starben im Schnitt mit 75 Jahren, die Linkshänder mit 66. Neun Jahre Unterschied, nur wegen einer Hand. Die Zahl ging 1991 um die Welt — und war komplett falsch verstanden.
Die Zahl, die alles erklärt
Es gibt eine zweite Zahl, und die räumt die erste ab. Von den US-Jahrgängen um 1900 galten nur etwa 2,5 Prozent als linkshändig, von denen aus der Mitte der Sechziger rund 12,6 Prozent. Der Anteil hat sich innerhalb eines Menschenlebens verfünffacht.
Gehirne haben sich in sechzig Jahren nicht neu verkabelt — die Schule hat sich geändert. Wer 1900 zur Welt kam, wurde meist auf die rechte Hand umerzogen und zählte damit in jedem Fragebogen als Rechtshänder. Wer 1965 geboren wurde, durfte bleiben, wie er war. Also findet man unter Hochbetagten kaum bekennende Linkshänder und unter den jung Verstorbenen jede Menge. Die Statistik hat kein Sterberisiko gemessen, sondern eine Erziehungsmode.
Wie ein Fragebogen zur Weltnachricht wurde
Halpern und Coren hatten nichts gefälscht. Die Rechnung stimmte, die Stichprobe war sauber gezogen, die Veröffentlichung landete im „New England Journal of Medicine“. Der Fehler steckte in der stillschweigenden Annahme dahinter: dass die Schreibhand über die Jahrzehnte dasselbe bedeutet.
Fachleute nennen so etwas einen Kohorteneffekt: Man vergleicht scheinbar dieselbe Eigenschaft bei Alten und Jungen und misst in Wahrheit, wie unterschiedlich beide Gruppen groß geworden sind. Verwandt ist der Survivorship Bias — man schaut auf die Übriggebliebenen und schließt auf alle. Der Psychologe Lauren Julius Harris zerlegte den Befund 1993 gründlich. Da war die Neun-Jahre-Zahl längst unterwegs, und eine gute Schlagzeile ist schneller als jede Widerlegung.
Der Rohrstock, der aus der Statistik verschwand
Hinter der harmlosen Vokabel „umgeschult“ steckt etwas, das für Millionen Kinder alles andere als harmlos war: Die linke Hand wurde festgehalten, auf den Rücken gebunden, im Zweifel geschlagen. Begründet wurde das mit sauberer Schrift — und mit einem Aberglauben, der so alt ist wie die Sprache. Das lateinische „sinister“ heißt links und unheilvoll zugleich, im Deutschen steckt die Abwertung in „linkisch“.
In deutschen Schulen war das Umerziehen bis weit in die Nachkriegszeit Alltag, und die Folgen blieben: In der Münchner Beratungsstelle der Psychologin Johanna Barbara Sattler sitzen bis heute Menschen, die als Kind die Hand wechseln mussten. Genau sie tauchten in Halperns Fragebögen als Rechtshänder auf. Sie fehlten in der Statistik nicht, weil sie tot waren, sondern weil ihnen jemand die Hand weggenommen hatte.
Warum der Tag auf einen Freitag den 13. fiel
Dean R. Campbell gründete 1975 in Kansas die Vereinigung „Lefthanders International“ — halb Interessenvertretung, halb Versandhandel für Scheren, Dosenöffner und Füller, die nicht schmieren. Ein Jahr später erfand er den Aktionstag dazu und wählte mit dem 13. August 1976 bewusst einen Freitag, den 13. Die Botschaft: Wenn ihr uns für ein Unglückszeichen haltet, feiern wir eben am Unglückstag.
Der Tag schlief zwischenzeitlich ein und wurde 1992 vom britischen Left-Handers Club wiederbelebt, seither fest am 13. August. Es gibt Bowlingturniere in Japan, Schnitzeljagden in London und in Deutschland vor allem Beiträge darüber, wie unpraktisch Suppenkellen sind.
Drei Fragen zur linken Hand
Wie viele Menschen sind linkshändig? Je nach Erhebung 10 bis 15 Prozent, Männer etwas häufiger. Der Anteil ist weltweit stabil, sobald niemand mehr umerzieht.
Ist Linkshändigkeit vererbbar? Teilweise, aber es gibt kein einzelnes „Linkshänder-Gen“. Zwei linkshändige Eltern bekommen meistens rechtshändige Kinder.
Kann man Händigkeit ändern? Die Schreibhand ja, die Veranlagung im Gehirn nein. Genau deshalb richtet Umschulen so viel Schaden an.
So feierst du den Linkshändertag
Am lehrreichsten: einen Tag lang alles mit der ungeübten Hand machen. Zähneputzen, Kaffee eingießen, die eigene Unterschrift. Nach zehn Minuten versteht man, warum Spiralblöcke und Kartoffelschäler für die eine Hälfte der Menschheit gebaut sind und für die andere nicht ganz.
Und dann die Frage beim Abendessen: Wurde bei uns jemand umgeschult? Erstaunlich oft gibt es eine Großmutter, die nie darüber geredet hat.
Was von den neun Jahren übrig blieb
2023 hat eine Arbeitsgruppe in der Zeitschrift „Archives of Public Health“ die Sache durchgerechnet. Ihr Modell nahm an, es gebe gar keinen Unterschied in der Lebenserwartung, und ließ als einzige Kraft den gewanderten Linkshänder-Anteil wirken. Heraus kam ein scheinbarer Vorsprung der Rechtshänder von 9,3 Jahren. Halpern und Coren hatten 8,97 gemessen. Der Effekt war also nicht übertrieben — er war komplett der Schatten einer Erziehungsmethode. Rechnet man die Verzerrung heraus, bleiben 0,43 Jahre übrig, und das heißt: nichts.
Deshalb ist der 13. August ein besserer Tag, als er aussieht. Er erinnert nicht nur an klemmende Scheren, sondern an eine ganze Generation Linkshänder, die aus den Zahlen verschwunden ist — nicht, weil sie früher gestorben wäre, sondern weil man ihr die Hand aus der Akte gestrichen hat. Wenn dir jemand die nächste Schock-Statistik zeigt, lohnt sich die Frage, die hier gefehlt hat: Wer taucht in diesen Daten gar nicht erst auf?
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


