
Tag der Solidarität: Kerzenreste gegen einen Staat
Kurz erklärt: Der Tag der Solidarität und Freiheit wird in Polen jedes Jahr am 31. August begangen. Er erinnert an das Danziger Abkommen vom 31. August 1980, mit dem eine kommunistische Regierung zum ersten Mal eine unabhängige Gewerkschaft zuließ: Solidarność. Auslöser war die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz. Staatlicher Gedenktag ist der 31. August seit 2005.
Wenn ein Ostblock ins Wanken gerät, denkt man an Panzer, an Reden, an Männer in schlecht sitzenden Anzügen. Nicht an eine 51-jährige Frau, die auf einem Friedhof abgebrannte Kerzen einsammelt, um aus dem Wachs neue zu gießen. Genau da fängt diese Geschichte an — mit einem Vergehen, das so klein war, dass die Behörden es als Diebstahl aufschreiben mussten.
Die Kranführerin, die fünf Monate vor der Rente flog
Anna Walentynowicz, Jahrgang 1929, arbeitete fast dreißig Jahre auf der Leninwerft in Danzig. Erst als Schweißerin, dann in der Kanzel eines Portalkrans. Eine Musterarbeiterin mit Urkunden im Schrank — bis sie unbequeme Fragen stellte und sich den illegalen Freien Gewerkschaften der Küste anschloss.
Im Dezember 1970 hatten Soldaten in Danzig und Gdingen auf streikende Arbeiter geschossen. Es gab Tote, es gab keine Namen, es gab kein Denkmal und keine offizielle Erinnerung. Walentynowicz sammelte darum jedes Jahr vor dem Jahrestag Kerzenstummel von den Gräbern ein, goss daraus neue Kerzen und stellte sie ans Werfttor. Am 7. August 1980 wurde sie fristlos entlassen — offiziell wegen Diebstahls von Wachs. Ihr fehlten fünf Monate bis zur Rente.
Am 14. August legten 17.000 Werftarbeiter die Arbeit nieder. Die erste Forderung auf ihrer Liste war kein Geld und keine Freiheit, sondern ein Name: Anna soll zurückkommen. Lech Wałęsa, selbst zwei Jahre zuvor gefeuert, kletterte über den Werftzaun und übernahm die Streikleitung. Ein Betriebsrat-Konflikt, mehr war das an diesem Morgen nicht.
Der Moment, in dem der Streik fast vorbei war
Am 16. August gab die Werftleitung nach. Lohnerhöhung, ein Denkmal für die Toten von 1970, Wiedereinstellung der Gefeuerten — alles zugesagt. Wałęsa erklärte den Streik über Lautsprecher für beendet, und die Leute machten das, was Menschen nach drei Tagen Streik tun: Sie packten ihre Sachen und gingen zu den Toren.
Das Problem war nur: In der Zwischenzeit hatten Betriebe in ganz Danzig, in Gdingen und Sopot aus Sympathie mitgestreikt. Busfahrer, Hafenarbeiter, Krankenhäuser. Wenn die große Werft jetzt zufrieden nach Hause ging, standen die anderen allein da — und jeder im Land wusste, was mit kleinen Betrieben passierte, die allein dastanden.
Also rannten vier Frauen zu den Toren: Anna Walentynowicz, die Krankenschwester Alina Pienkowska, Ewa Ossowska und die Straßenbahnfahrerin Henryka Krzywonos. Sie stellten sich den Heimgehenden in den Weg und drehten sie um. Ausgerechnet die Frau, um deren Arbeitsplatz es überhaupt gegangen war, gab ihren eigenen Sieg zurück. Aus dem Werftstreik wurde ein Solidaritätsstreik, aus dem Streikkomitee ein überbetriebliches Komitee von schließlich über 700 Betrieben — und aus einer Handvoll Betriebsforderungen wurden 21 Punkte, in Schönschrift auf zwei Sperrholztafeln über dem Tor Nummer 2.
Ein Kugelschreiber, vierzig Zentimeter lang
Zwei Wochen verhandelte das Komitee mit einer Regierungsdelegation, live in die Werfthalle übertragen, damit niemand hinterher etwas anderes behaupten konnte. Am 31. August 1980 um 16:45 Uhr wurde unterschrieben. Wałęsa griff dafür nicht zum Füller der Regierung, sondern zu einem Souvenir, das ihm jemand während des Streiks geschenkt hatte: einem roten Plastikkugelschreiber, vierzig Zentimeter lang, im Kopf eine aufgerollte Postkarte mit Johannes Paul II. Das Bild ging um die Welt, und die Botschaft war nicht zu überhören.
Es war die erste Vereinbarung, in der eine kommunistische Regierung ihre eigene Opposition legalisierte. Die neue Gewerkschaft nannte sich Solidarność und hatte innerhalb von Monaten rund zehn Millionen Mitglieder — fast jeder dritte erwachsene Pole. Am 13. Dezember 1981 verhängte General Jaruzelski das Kriegsrecht, die Gewerkschaft wurde verboten, tausende Mitglieder interniert. Acht Jahre später musste dieselbe Regierung zurück an denselben Tisch: Im Juni 1989 gewann Solidarność die halbfreien Wahlen, im November fiel die Berliner Mauer.
So feierst du den Tag der Solidarität und Freiheit
Ohne Kranz und ohne Pathos geht das erstaunlich gut. Stell eine Kerze ins Fenster — das ist die Geste, mit der die ganze Sache angefangen hat, und sie kostet nichts. Lies die 21 Forderungen einmal durch; einige davon klingen 46 Jahre später immer noch verblüffend aktuell, etwa die nach einem freien Samstag und nach Kinderbetreuung für berufstätige Mütter.
Wer in Danzig ist, geht ins Europäische Solidaritätszentrum neben dem Tor Nummer 2 — die originalen Sperrholztafeln stehen dort, seit 2003 UNESCO-Weltdokumentenerbe. Und sonst: Frag jemanden, der 1980 schon Nachrichten geschaut hat, was von Danzig hängen geblieben ist. Die Antworten sind meist besser als jeder Wikipedia-Artikel.
Was von den einundzwanzig Forderungen geblieben ist
Das Denkmal für die Toten von 1970 steht seit Dezember 1980 vor dem Werfttor: drei Anker an drei Kreuzen, 42 Meter hoch, gebaut von Werftarbeitern in vier Monaten. Es war die Forderung, die als erste eingelöst wurde.
Anna Walentynowicz selbst hatte am Ende wenig davon. Schon 1981 drängte man sie aus der Gewerkschaftsführung, später kritisierte sie die Politiker, die aus ihrer Bewegung hervorgegangen waren, so scharf wie zuvor die Partei. Am 10. April 2010 starb sie beim Flugzeugabsturz von Smolensk, auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn. Sie wurde 80 Jahre alt und hat die Rente, um die es 1980 ging, nie in Ruhe erlebt.
Was bleibt, ist ein ziemlich unbequemer Gedanke für einen Feiertag: Solidarität ist nicht das warme Gefühl, wenn man mit jemandem mitleidet. Solidarität ist der Moment, in dem man stehen bleibt, obwohl man selbst schon bekommen hat, was man wollte. Genau das ist am 16. August 1980 an einem Werfttor passiert — und ohne diesen Moment gäbe es den 31. August nicht.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


