
Wolkenkratzer-Tag: Der Mann, der Türme blühen ließ
Kurz erklärt: Der Wolkenkratzer-Tag (Skyscraper Day) fällt jedes Jahr auf den 3. September, den Geburtstag des amerikanischen Architekten Louis Sullivan (1856–1924). Sullivan gilt als Vater des Wolkenkratzers: Er entwarf mit seinem Partner Dankmar Adler in Chicago die ersten Hochhäuser, die wie Hochhäuser aussehen wollten, und formulierte 1896 den Satz „form follows function“. Gestorben ist er mittellos in einem Hotelzimmer.
Ein Zimmer, das vorher eine Wäschekammer war
April 1924, Hotel Warner in Chicago. In einem Zimmer, das früher die Wäschekammer der Etage war, liegt ein 67-jähriger Mann, der seine Miete nicht mehr selbst bezahlen kann. Ehemalige Mitarbeiter schießen das Geld zusammen, ein Club in der Stadt lässt ihn dort essen und arbeiten. Auf dem Nachttisch liegen frisch gezeichnete Blätter: Ranken, Knospen, Sechsecke, aus denen Pflanzen wachsen. Es sind die Tafeln seines letzten Buchs über das Ornament, gezogen, als ginge es um einen Millionenauftrag.
Draußen vor dem Fenster steht die Stadt, die dieser Mann erfunden hat. Niemand hat früher beantwortet, wie ein Haus aussieht, das höher ist als alles davor. Als er wenige Tage später stirbt, reicht sein Geld nicht für ein Grab. Sein früherer Zeichner bezahlt die Beerdigung und den Stein auf dem Graceland Cemetery — Frank Lloyd Wright, der ihn zeitlebens nur „Lieber Meister“ nannte, auf Deutsch, mitten im englischen Satz.
Als niemand wusste, wie ein Hochhaus aussieht
Chicago war 1871 fast vollständig abgebrannt, und der Wiederaufbau traf auf zwei junge Techniken: den Fahrstuhl mit Fangvorrichtung, der das Treppensteigen als Höhengrenze abschaffte, und das Stahlskelett, das die Last der Wände übernahm. Ab da mussten Außenwände nichts mehr tragen. Sie durften Haut sein statt Knochen. Das Home Insurance Building von 1885 gilt als erstes Hochhaus dieser Bauart — zehn Stockwerke, für damalige Verhältnisse eine Zumutung.
Technisch war die Sache also gelöst. Gestalterisch überhaupt nicht. Die Architekten der Zeit hatten für ein zwölfstöckiges Bürohaus keine Formensprache, also nahmen sie die einzige, die sie kannten: Sie stapelten Antike. Unten ein griechischer Tempel, in der Mitte ein paar Etagen Renaissance-Palast, oben ein Gesims wie aus Rom. Ein Wolkenkratzer sah aus wie drei alte Gebäude, die man aufeinandergestellt hatte, und Sullivan hielt das für Kostümierung.
Seine Antwort steht in einem Aufsatz von 1896 über das hohe Bürohaus. Ein solches Gebäude, schreibt er, müsse hoch sein, jeder Zentimeter davon hoch, es müsse „jeden Zoll ein stolzes, aufsteigendes Ding“ sein. Am Wainwright Building in St. Louis hat er genau das gebaut: durchlaufende Pfeiler, die das Auge nach oben ziehen, statt Etagenbändern, die es wieder herunterholen. Zum ersten Mal sah ein hohes Haus so aus, als wolle es hoch sein.
Drei Wörter, die sich gegen ihren Erfinder drehten
Im selben Aufsatz steht der Satz, der ihn überlebt hat: form ever follows function — die Form folgt immer der Funktion. Sullivan meinte das biologisch: Apfelbaum, Wolke, Adler — alles, was lebt, bekommt seine Gestalt von seiner Aufgabe. Ein Haus solle deshalb wachsen wie eine Pflanze, mit allem, was dazugehört.
Zu diesem „allem“ gehörte für ihn selbstverständlich Schmuck. Sullivans Fassaden sind überzogen mit gusseisernem und terrakottenem Laub, mit Ranken, Wirbeln und Blüten, die er bis in die letzte Windung selbst zeichnete. Am Kaufhaus Carson Pirie Scott in Chicago wuchert das Erdgeschoss, als hätte jemand einen Garten gegen die Wand geworfen. Für Sullivan war das kein Widerspruch zu seinem Satz, sondern dessen Beweis.
Nur wurde der Satz kürzer, als er weiterzog. Aus „form ever follows function“ wurde „form follows function“, und aus einer Naturbeobachtung wurde ein Verbot: Was keine Funktion hat, hat kein Recht, da zu sein. Eine ganze Architektengeneration erklärte damit das Ornament für erledigt und baute die glatten Kisten, die wir bis heute Bürohaus nennen. Der Mann, der Hochhäusern das Blühen beibringen wollte, wurde zum Kronzeugen ihrer Kahlheit.
So feierst du den Wolkenkratzer-Tag
Die einfachste Übung dauert dreißig Sekunden und funktioniert in jeder Innenstadt: Schau ein Hochhaus nicht von oben an, sondern von unten. Wo endet die Fassade, wenn sie auf den Gehweg trifft? Bei den meisten Türmen passiert dort nichts, bei guten genau dort das Beste. Sullivans Regel: Ein Haus muss auf Augenhöhe etwas hergeben, weil man alles darüber ohnehin nur aus der Ferne sieht.
Wer eine Skyline braucht, fährt nach Frankfurt am Main — die einzige deutsche Stadt mit einer echten Hochhaus-Silhouette, inklusive öffentlicher Aussichtsplattform auf dem Main Tower. Und ein Wortfakt für den Feierabend: „Skyscraper“ gab es lange vor dem ersten Hochhaus. Gemeint waren damit ein hohes Segel am Mastende, ein besonders langbeiniges Pferd und ein unverschämt hoher Hut. Erst Chicago hat dem Wort ein Gebäude untergeschoben.
Was von Sullivan noch steht
Sein letzter Auftrag war eine Ladenfassade für einen Musikhändler an der Lincoln Avenue, 1922, ein einziges Schaufenster breit: grünes Terrakotta, jeder Zentimeter voller Blätter, für ein Honorar, mit dem ein gefragtes Büro keinen Monat überstanden hätte. Er zeichnete es, als wäre es sein Hauptwerk. Vielleicht wusste er, dass nichts mehr kommt.
Vieles ist abgerissen worden, am schmerzhaftesten das Chicagoer Börsengebäude, das 1972 fiel. Gerettet wurde der Eingangsbogen; er steht heute frei im Garten des Art Institute of Chicago, ein Tor ohne Haus dahinter. Der Handelssaal wurde im Museum Stück für Stück wieder aufgebaut. Und seine kleinen Banken in Provinzstädten des Mittleren Westens, die er in den mageren Jahren entwarf, stehen alle noch — jede von ihnen ein Kästchen mit Goldkanten mitten in der Hauptstraße. Der 3. September feiert deshalb nicht nur die Höhe. Er feiert die Idee, dass ein Gebäude die Menschen, die daran vorbeigehen, für ansehenswert hält.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


