
Asteroidentag: Als Sibirien knapp davonkam
Kurz erklärt: Der Internationale Asteroidentag fällt jedes Jahr auf den 30. Juni — den Jahrestag des Tunguska-Ereignisses von 1908, bei dem ein Asteroid über Sibirien explodierte und rund 2.150 Quadratkilometer Wald umlegte. Mitbegründet wurde der Tag 2014 unter anderem von Queen-Gitarrist und Astrophysiker Brian May, 2016 erklärte ihn die UNO offiziell. Ziel: das Bewusstsein für die Gefahr von Asteroideneinschlägen schärfen.
30. Juni 1908: Der Morgen, an dem der Himmel explodierte
Es ist kurz nach sieben Uhr morgens in der sibirischen Taiga. Rentierhirten am Rand der Tunguska-Region sehen plötzlich eine zweite Sonne über sich aufsteigen, heller als die erste. Dann ein Knall, der Fenster Hunderte Kilometer entfernt zerspringen lässt. Ein Mann wird in der nächsten Siedlung vom Stuhl geschleudert. Über dem Wald rollt eine Druckwelle, die rund 80 Millionen Bäume wie Streichhölzer flach legt — auf einer Fläche größer als das Saarland.
Das Verrückte daran: Es gibt keinen Krater. Der Brocken, vermutlich 50 bis 60 Meter groß, ist nie auf dem Boden angekommen. Er zerbarst mehrere Kilometer über der Erde in einer Explosion mit der Wucht von Hunderten Hiroshima-Bomben. Hätte der Stein sich nur ein paar Stunden Zeit gelassen, hätte die Erddrehung ihn über eine europäische Großstadt gebracht. Sibirien hatte 1908 schlicht Glück — und genau dieses mulmige Gefühl ist der Grund, warum es heute einen eigenen Gedenktag gibt.
Warum ein Gitarrist von Queen die Erde retten will
Wenn man eine Liste der Menschen aufstellt, die einen Welttag erfunden haben, erwartet man Beamte und Diplomaten. Beim Asteroidentag steht stattdessen ein Rockstar ganz oben. Brian May, Gitarrist von Queen, ist nämlich nicht nur für Songs wie „We Will Rock You“ verantwortlich — er promovierte 2007 tatsächlich in Astrophysik. 2014 rief er gemeinsam mit dem Astronauten Rusty Schweickart, der Unternehmerin Danica Remy, dem Filmemacher Grigorij Richters und dem Physiker Stephen Hawking den Asteroidentag ins Leben.
Die Idee war simpel und ein bisschen unbequem: Asteroiden sind die einzige Naturkatastrophe, die wir technisch verhindern könnten — wenn wir sie nur früh genug entdecken. Erdbeben, Vulkane, Stürme passieren einfach. Ein Asteroid dagegen ist ein berechenbarer Felsen auf einer berechenbaren Bahn. Die Mitbegründer wollten Druck machen, damit der Himmel systematischer abgesucht wird. 2016 zog die UNO nach und machte den 30. Juni zum offiziellen internationalen Gedenktag.
Wie gut ist die Erde wirklich geschützt?
Die gute Nachricht zuerst: Wir sind heute nicht mehr blind. Weltweite Teleskopnetzwerke katalogisieren laufend erdnahe Objekte, über 37.000 sind inzwischen bekannt, und kein einziger großer Brocken steht aktuell auf Kollisionskurs. Die wirklich riesigen, zivilisationsbedrohenden Asteroiden sind fast alle gefunden und vermessen.
Die weniger gute Nachricht: Es sind die mittelgroßen, Tunguska-artigen Objekte, die schwer zu entdecken sind — und davon kreisen noch Tausende unbemerkt durchs Sonnensystem. Genau deshalb war die NASA-Mission DART so wichtig: 2022 raste eine Sonde absichtlich in den kleinen Asteroidenmond Dimorphos und veränderte messbar dessen Umlaufbahn. Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Menschheit aktiv den Kurs eines Himmelskörpers verschoben. Wir sind also nicht mehr nur Zuschauer — wir haben angefangen, zurückzuschubsen.
So feierst du den Asteroidentag
Am einfachsten: Geh raus und schau nach oben. In der Nacht zum 1. Juli ist gleichzeitig der Tag der Meteorbeobachtung, also stehen die Chancen gut, eine Sternschnuppe zu erwischen — das sind dieselben kosmischen Krümel, nur in handlich klein und harmlos.
Wer es gemütlicher mag, schaut einen der vielen Livestreams, die Sternwarten und die Asteroid-Day-Organisation an diesem Tag senden. Und wenn du Kinder in der Nähe hast: Kaum ein Thema zieht so zuverlässig wie „Was passiert, wenn ein Riesenfelsen die Erde trifft?“. Ein bisschen wohliges Gruseln über Tunguska am Frühstückstisch hat noch keiner Familie geschadet.
Ein Stein, der uns demütig macht
Der Asteroidentag ist kein Weltuntergangs-Feiertag, auch wenn er gern so verkauft wird. Er ist eher eine jährliche Erinnerung daran, dass unser Planet ein winziges Boot in einem ziemlich großen, ziemlich steinigen Ozean ist — und dass wir gerade erst gelernt haben zu rudern. 1908 hatten wir Glück. Heute haben wir Teleskope, Sonden und einen Rockstar mit Doktortitel, der dafür sorgt, dass wir uns nicht allein auf Glück verlassen müssen. Schau heute mal kurz nach oben. Es ist überraschend beruhigend zu wissen, dass dort jemand mitzählt.


