
Google-Gründungstag: Die Firma, die keiner wollte
Kurz erklärt: Am 4. September 1998 wurde Google Inc. in Kalifornien als Firma eingetragen. Die beiden Stanford-Doktoranden Larry Page und Sergey Brin brauchten diese Eintragung vor allem aus einem Grund: Sie hatten einen Scheck über 100.000 Dollar, ausgestellt auf eine Firma, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Ihren Geburtstag feiert die Firma heute am 27. September.
Die Zahl, die alles erklärt: hunderttausend Dollar
August 1998, eine Veranda in Palo Alto, kurz nach acht Uhr morgens. Zwei Doktoranden bauen ihren Laptop auf, weil ein Investor sich zehn Minuten Zeit genommen hat, bevor er ins Büro muss. Der Mann heißt Andreas von Bechtolsheim, ist in Bayern aufgewachsen, hat Sun Microsystems mitgegründet und sieht sich die Vorführung genau so lange an, wie er braucht, um zu verstehen, dass die Trefferliste besser ist als alles, was er kennt. Dann unterbricht er die Präsentation. Diskutieren wolle er nicht, sagt er sinngemäß, er habe einen Termin. Er zieht sein Scheckbuch heraus und schreibt 100.000 Dollar aus.
Und zwar an „Google Inc.“ — eine Firma, die es an diesem Morgen nicht gibt. Kein Register kennt sie, kein Konto lautet auf diesen Namen, kein Anwalt hat je Papiere für sie ausgefüllt. Der Scheck ist damit erst mal ein sehr wertvolles Stück Papier ohne Empfänger. Er wandert in eine Schublade und liegt dort rund zwei Wochen, während zwei Informatiker herausfinden, wie man eigentlich eine Kapitalgesellschaft gründet. Am 4. September 1998 steht der Name im Register, danach existiert ein Bankkonto, und erst danach ist die Zahl auf dem Scheck echtes Geld.
Wie gut das für den Mann mit dem Scheckbuch ausging, lässt sich beziffern: Sein Anteil war beim Börsengang 2004 grob das Zehntausendfache wert. Zehn Minuten auf einer Veranda, verrechnet auf über eine Milliarde Dollar. Es gibt teurere Frühstückstermine.
Warum niemand die beste Suchmaschine haben wollte
Der eigentlich seltsame Teil der Geschichte ist nicht der Scheck, sondern das, was davor passierte: Page und Brin wollten die Sache loswerden. Sie hatten an der Uni ein Verfahren gebaut, das Webseiten nicht nach Stichwörtern sortiert, sondern nach Verweisen — wer oft verlinkt wird, und zwar von Seiten, die selbst oft verlinkt werden, steht oben. Das Prinzip heißt PageRank, und es funktionierte auf Anhieb so gut, dass die halbe Universität es benutzte. Der Prototyp lief auf zusammengeschraubten Festplattentürmen, deren Gehäuse die beiden aus Legosteinen gebaut hatten, weil richtige Racks zu teuer waren.
Also boten sie es an. Den großen Portalen, für ungefähr eine Million Dollar. Und wurden reihum abgelehnt. Das war keine Dummheit, sondern Geschäftsmodell: Die Portale der späten Neunziger verdienten daran, dass Besucher möglichst lange auf ihrer eigenen Seite herumklickten — Nachrichten, Wetter, Horoskop, Chat. Eine Suchmaschine, die Menschen in Sekunden korrekt woandershin schickt, war aus dieser Sicht ein Kundenverlustgerät. Ein Yahoo-Gründer riet den beiden freundlich, doch selbst eine Firma daraus zu machen. Sogar Monate nach der Gründung versuchten sie noch zu verkaufen: Der Investor Vinod Khosla handelte den Preis für Excite auf 750.000 Dollar herunter. Excite lehnte trotzdem ab.
Der Wunsch der beiden war nämlich ein ziemlich unspektakulärer. Sie wollten zurück an die Uni und ihre Doktorarbeiten fertig schreiben. Beide sind bis heute nicht fertig geworden.
Ein Verschreiber, der zum Verb wurde
Der Name ist ein Missgeschick. Gemeint war googol: eine Eins mit hundert Nullen, ein Wort, das ein neunjähriges Kind erfunden hatte, als sein Onkel, ein Mathematiker, einen Namen für diese Zahl suchte. Die Idee dahinter war Größenwahn mit Ansage — wir sortieren so viel Web, dass man dafür eine absurde Zahl braucht. Bei der Suche nach einer freien Adresse tippte jemand die Schreibweise falsch, google.com war frei, und niemand hatte Lust, das wieder zu ändern. Registriert wurde die Adresse im September 1997, ein Jahr vor der Firma.
Die erste Geschäftsadresse war eine Garage in Menlo Park, gemietet von einer Bekannten für 1.700 Dollar im Monat. Die Vermieterin hieß Susan Wojcicki, wurde später eine der wichtigsten Personen des Unternehmens und leitete jahrelang YouTube. Aus dem Verschreiber wurde ein Verb: 2004 stand „googeln“ im Duden, und die Firma schrieb Redaktionen an, sie mögen das Wort bitte nicht allgemein für „im Internet suchen“ verwenden. Das ist ungefähr so aussichtsreich wie die Bitte, nicht mehr zu tempotaschentuchen.
Häufige Fragen zum Google-Gründungstag
Warum feiert Google seinen Geburtstag am 27. September, wenn der 4. der Gründungstag ist? Weil die Firma das Datum über die Jahre mehrfach verschoben hat — gefeiert wurde schon am 7., 8., 26. und 27. September. Die heute übliche Erklärung: Der 27. war der Tag, an dem eine Rekordzahl indexierter Seiten gemeldet wurde. Das Datum, das in den Papieren steht, bleibt der 4. September 1998.
Was ist mit dem Scheck passiert? Er wurde eingelöst, sobald es ein Konto gab. Berühmt ist er trotzdem geblieben, weil er die Reihenfolge der Firmengeschichte umdreht: Erst kam das Geld, dann die Firma. Der Mann, der ihn ausstellte, hat sich das Produkt nie zu Ende zeigen lassen.
Und was macht man am 4. September damit? Eine kleine Übung: Denk an die letzte Frage, die du eingetippt hast, und überleg, wen du vor 1998 dafür hättest anrufen müssen. Meistens fällt einem niemand ein. Genau das ist der Unterschied, den der Tag markiert — nicht ein Konzern, sondern die Tatsache, dass Nachschlagen einmal Aufwand war und heute ein Reflex ist. Der Rest der Geschichte ist ein Stück Papier, das zwei Wochen in einer Schublade lag.
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