
Nagasaki-Gedenktag: Der Mann, der zwei Bomben überlebte
Kurz erklärt: Der Nagasaki-Gedenktag erinnert jedes Jahr am 9. August an den zweiten Atombombenabwurf der Geschichte, 1945 auf die japanische Hafenstadt Nagasaki. Um 11:02 Uhr Ortszeit, dem Moment der Explosion, hält die Stadt bis heute eine Schweigeminute. Eigentliches Ziel des Angriffs war die Industriestadt Kokura – Wolken über Kokura lenkten den Bomber nach Nagasaki um. Unter den Überlebenden: ein Mann, der drei Tage zuvor bereits Hiroshima überlebt hatte.
Stell dir vor, du überlebst eine Katastrophe, die eine ganze Stadt auslöscht. Dein einziger Gedanke danach: nach Hause, zu deiner Frau und deinem kleinen Sohn. Verbrannt und halb taub steigst du in einen überfüllten Zug, fährst die Nacht durch – und drei Tage später steht ausgerechnet über deiner Heimatstadt dieselbe grelle Wolke am Himmel. Genau das passierte einem 29-jährigen Ingenieur namens Tsutomu Yamaguchi. Zweimal. Fangen wir dort an, wo die erste Bombe fiel.
Die Zahl, die die ganze Geschichte erklärt
Drei Tage und weniger als drei Kilometer – mehr braucht es nicht, um zu verstehen, warum Yamaguchis Geschichte bis heute erzählt wird. Am 6. August 1945 war er auf Geschäftsreise für Mitsubishi in Hiroshima, sein letzter Tag dort nach drei Monaten. Er war knapp zwei Kilometer vom Explosionspunkt entfernt, als der Atombombenabwurf auf Hiroshima ihn zu Boden warf: geplatzte Trommelfelle, vorübergehende Blindheit, schwere Verbrennungen auf der linken Körperhälfte.
Er verbrachte die Nacht in einem Luftschutzkeller unter Verletzten und Sterbenden, verband sich am nächsten Morgen notdürftig selbst und bestieg einen der wenigen fahrenden Züge Richtung Süden. Sein Ziel: seine Heimatstadt, seine Frau, sein Baby. Nach einer Nacht im Zug kam er an – und ging, kaum ausgeruht, am Morgen des 9. August wieder zur Arbeit, um seinem Vorgesetzten von der zerstörten Stadt zu berichten.
Die Stadt, die eigentlich getroffen werden sollte
Dass Yamaguchi überhaupt ein zweites Mal am selben Ort war, verdankt die Geschichte einem Zufall, der eigentlich einer anderen Stadt gehörte. Das amerikanische Bombenflugzeug Bockscar sollte die Waffenfabriken von Kokura treffen, gut 100 Kilometer nördlich von Nagasaki. Dreimal kreiste die Maschine über der Stadt, doch Rauch von einem Luftangriff auf das benachbarte Yahata verdeckte das Ziel – die Vorschrift verlangte einen Abwurf nach Sicht, keinen Blindwurf.
Mit schwindendem Treibstoff wich die Besatzung auf das Ausweichziel Nagasaki aus, wo sich für Sekunden eine Wolkenlücke öffnete. Kokura entkam damit einer Katastrophe, ohne es je zu erfahren – in Japan wurde „das Glück von Kokura“ später zu einer Redewendung für ein Entkommen im letzten Moment. Nagasaki hatte dieses Glück nicht. Und Yamaguchi, der die eine Katastrophe bereits hinter sich glaubte, saß genau dort, wo die zweite ihn einholte: bei seinem Chef, mitten im Bericht über Hiroshima, als draußen derselbe grelle Blitz den Himmel aufriss.
Der einzige offiziell doppelt Überlebende der Welt
Yamaguchi überlebte auch den zweiten Angriff, wieder knapp zwei Kilometer vom Zentrum entfernt. Schätzungsweise 165 Menschen erlebten nachweislich beide Bombenabwürfe, doch nur er stellte 2009 offiziell einen Antrag bei der japanischen Regierung – und wurde als einziger Mensch weltweit amtlich als „doppelter Hibakusha“ anerkannt, als Überlebender beider Angriffe.
Ein leichtes Leben war das nicht: Taubheit auf einem Ohr, grauer Star, jahrzehntelange Schmerzen von den Verbrennungen, später Leukämie. Trotzdem verbrachte Yamaguchi die zweite Hälfte seines Lebens damit, gegen genau die Waffe zu kämpfen, die ihn zweimal fast getötet hätte. Mit 90 Jahren sprach er vor den Vereinten Nationen für eine atomwaffenfreie Welt. 2010 starb er im Alter von 93 Jahren – als der Mann, der zweimal überlebte, was niemand sonst zweimal überleben sollte.
Kurz gefragt: Wie viele Menschen starben in Nagasaki? Schätzungen gehen von rund 74.000 Toten bis Ende 1945 aus, weitere Zehntausende starben in den Jahren danach an den Spätfolgen. Warum wurde ausgerechnet Nagasaki getroffen? Weil Wolken über dem eigentlichen Ziel Kokura den geplanten Abwurf verhinderten – Nagasaki war der Ausweichplan.
Was der Nagasaki-Gedenktag heute bedeutet
Seit 1945 hält Nagasaki jedes Jahr am 9. August um 11:02 Uhr eine Schweigeminute, während in der Stadt eine Friedensglocke läutet. Der Oberbürgermeister verliest eine Friedenserklärung, die regelmäßig zur atomaren Abrüstung aufruft – zuletzt mit wachsender Dringlichkeit, weil mit jedem Jahr weniger Überlebende selbst noch berichten können.
Yamaguchis Wunsch war nach dem Zug aus Hiroshima nie mehr als der, seine Familie wiederzusehen. Was daraus wurde, hat er sich nicht ausgesucht: ein Symbol dafür, dass ausgerechnet der unwahrscheinlichste Überlebende zum lautesten Mahner wurde. Am Nagasaki-Gedenktag geht es deshalb um mehr als eine historische Jahreszahl – es geht um die Erinnerung daran, dass Glück und Unglück manchmal näher beieinanderliegen, als man ertragen kann, und dass jemand, der beides erlebt hat, uns trotzdem sagt: Nie wieder.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


