
Esther-Tag: Das Mädchen, das seinen Feiertag verschenkte
Kurz erklärt: Der Esther-Tag fällt jedes Jahr auf den 3. August, den Geburtstag von Esther Grace Earl (1994 bis 2010). Der Autor John Green und sein Bruder Hank erklärten diesen Geburtstag 2010, kurz vor Esthers Tod, zum jährlichen Feiertag ihrer Internet-Community und ließen Esther das Thema bestimmen. Sie entschied sich für Liebe, ausdrücklich für die zu Familie und Freunden statt für die romantische.
Es gibt Sätze, die gehen fremden Menschen leichter über die Lippen als der eigenen Mutter. „Ich hab dich lieb“ ist so einer. In eine Beziehung getippt: kein Problem. In eine Nachricht an den eigenen Bruder: plötzlich zu pathetisch, lieber ein Daumen hoch. Genau diese Lücke hat ein Mädchen aus Massachusetts bemerkt. Und als sie einen Wunsch frei hatte, machte sie einen Feiertag daraus.
Der größte Irrtum: Esther ist nicht Hazel
Die meisten stolpern über Esther Earls Namen wegen eines Romans: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, erschienen 2012, millionenfach verkauft, 2014 verfilmt. Die Widmung des Buches besteht aus zwei Wörtern: Esther Earl. Seitdem hält sich hartnäckig die Behauptung, die Erzählerin Hazel sei Esther und der Roman erzähle ihr Leben nach.
Das stimmt nicht, und John Green hat dem so oft widersprochen, wie man einem liebgewonnenen Missverständnis eben widersprechen kann. Hazel ist erfunden, ihre Familie ist erfunden, ihre Krankheit ist eine andere. Was dagegen stimmt: Ohne Esther gäbe es das Buch nicht. Green arbeitete seit seiner Zeit als Seelsorger in einem Kinderkrankenhaus über zehn Jahre erfolglos an einer Geschichte über schwer kranke Jugendliche. Sie geriet ihm immer wieder zur Heiligengeschichte, weil er in kranken Kindern nur Opfer sehen konnte. Esther war schlicht keins. Sie war witzig, genervt von ihren Geschwistern, besessen von Harry Potter und gut darin, andere zu trösten. Erst daran verstand er, wie man über sterbende Jugendliche schreibt, ohne zu lügen.
Die Freunde, die es angeblich nicht gab
Esther wurde am 3. August 1994 in Beverly bei Boston geboren, als eines von fünf Kindern einer Familie, die viel umzog: Saudi-Arabien, Massachusetts, Frankreich. Im November 2006 fiel in Marseille die Diagnose Schilddrüsenkrebs, bereits gestreut in die Lunge. Sie war zwölf. An Thanksgiving 2007 sagten Ärzte in einer Bostoner Kinderklinik den Eltern, dass es keine Heilung mehr geben wird.
Weil Esther oft nicht vor die Tür kam, ging sie ins Netz: ein eigener YouTube-Kanal, Tumblr, Twitter, eine Skype-Gruppe namens Catitude und die Community der Vlogbrothers, des Kanals von John und Hank Green, dessen Publikum sich selbst Nerdfighter nennt. Sie sammelte bei deren Wohltätigkeitsaktionen mit, kommentierte und drehte Videos mit beschrifteten Papierschildern.
Sie bekam dort Freunde, an die sie sich klammerte, während Erwachsene den Satz sagten, den Erwachsene damals über das Internet immer sagten: Das sind doch keine richtigen Freunde. Im Sommer 2010 reisten genau diese Freunde aus dem halben Land in ein Hotelzimmer in Boston, um ein Mädchen zu umarmen, das keiner von ihnen je in echt gesehen hatte. Ein Jahr zuvor hatte sie auf einer Harry-Potter-Convention in Boston John Green getroffen, bis dahin nur ein Gesicht in einem Video.
Der Feiertag, den sie nicht behielt
Kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag machte Green ihr ein Angebot, das man normalerweise niemandem machen kann: Ihr Geburtstag, der 3. August, sollte gefeiert werden, jedes Jahr, so lange es den Kanal gibt. Und sie durfte bestimmen, worum es an diesem Tag gehen soll.
Ein sterbendes Mädchen bekommt ein Denkmal geschenkt und darf die Inschrift selbst wählen. Esther wählte: nicht mich. Der Tag sollte von Liebe handeln, aber ausdrücklich nicht von der romantischen, sondern von der, die im Alltag untergeht, die zu Familie und Freunden. Das erste Video zum Esther-Tag heißt deshalb nicht etwa „Wir lieben Esther“, sondern „I Love Hank“: John Green sagt darin seinem eigenen Bruder vor laufender Kamera, dass er ihn liebt, und man sieht ihm an, wie unangenehm ihm das ist.
Esther hat diesen ersten Esther-Tag noch erlebt. Drei Wochen später, am 25. August 2010, starb sie mit sechzehn. Ihre Eltern gründeten die Stiftung This Star Won’t Go Out, die Familien krebskranker Kinder bei Alltagskosten hilft, und veröffentlichten 2014 ein Buch aus Esthers Tagebüchern und Zeichnungen, das auf die Bestsellerliste der New York Times kam. Der Titel passt zufällig perfekt: Esther bedeutet Stern.
So feierst du den Esther-Tag
Die Regel ist unangenehm einfach: Sag heute einem Menschen, den du liebst und dem du es nie sagst, dass du ihn liebst. Nicht der Person, mit der du zusammen bist, die weiß es. Sondern Mutter, Vater, Bruder, Schwester, der besten Freundin seit der fünften Klasse.
Erlaubt ist jede Form, die du wirklich durchziehst: anrufen, Sprachnachricht, Zettel auf den Küchentisch. Wer den ganz großen Satz nicht herausbekommt, nimmt den kleinen deutschen Ausweg „Ich hab dich lieb“, der zählt vollständig. Wichtig ist nur, dass es ausgesprochen wird und nicht bloß gedacht. Genau das war Esthers ganzer Punkt.
Warum dieser eine Satz so schwer ist
Für romantische Liebe haben wir ein komplettes Vokabular, Lieder, Feiertage, eine ganze Industrie. Für die Liebe zu den Menschen, die einfach immer da sind, haben wir: Geburtstagsanrufe und Beerdigungsreden. Dazwischen jahrzehntelang erstaunlich wenig. Deshalb klingt der Satz in der eigenen Familie wie ein Geständnis.
Eine Sechzehnjährige hat das schneller durchschaut als die meisten Erwachsenen, vermutlich weil sie ziemlich genau wusste, wie viel Zeit sie hatte. Der Esther-Tag ist trotzdem kein trauriger Tag, und er ist auch keiner, den man kaufen kann: keine Karten, keine Blumen, kein Menü. Er ist eine Erinnerung mit Ansage. Der Mensch, an den du beim Lesen gerade gedacht hast, weiß es wahrscheinlich nicht. Heute wäre ein guter Tag.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


