
Ozonschicht-Tag: Das Loch, das der Satellit übersah
Kurz erklärt: Der Internationale Tag zur Erhaltung der Ozonschicht fällt jedes Jahr auf den 16. September. Das Datum erinnert an die Unterzeichnung des Montreal-Protokolls im Jahr 1987, mit dem der weltweite Ausstieg aus FCKW beschlossen wurde. Ausgerufen hat den Tag die UN-Vollversammlung 1994. Das Abkommen haben inzwischen alle 198 Vertragsparteien ratifiziert — kein anderer UN-Umweltvertrag schafft diese Quote.
In der Umweltgeschichte gibt es genau einen Fall, in dem die Menschheit ein globales Problem bemerkt, verstanden und danach tatsächlich abgestellt hat. Er beginnt nicht mit einer Konferenz und auch nicht mit einem Schurken, sondern mit einem Ingenieur, der Menschenleben retten sollte — und dabei gründlich Erfolg hatte.
Sein Stoff war für Menschen wirklich ungefährlich. Nur eben nicht dort, wo damals niemand hinsah.
Der Erfinder, der zweimal danebengriff
Der Mann hieß Thomas Midgley junior, arbeitete für einen amerikanischen Chemiekonzern und bekam Ende der zwanziger Jahre einen ausgesprochen ehrenwerten Auftrag.
Kühlschränke liefen damals mit Ammoniak, Schwefeldioxid oder Methylchlorid. Ein Leck in der Nacht konnte eine ganze Familie töten, und genau das passierte regelmäßig. Midgley sollte ein Kältemittel finden, das nicht brennt und niemanden umbringt. Er fand es: FCKW. Um zu zeigen, wie harmlos das Zeug ist, atmete er es 1930 vor Fachpublikum ein und blies damit eine Kerze aus.
Er hatte recht. FCKW ist für Menschen ungefährlich, weil es mit fast nichts reagiert — und genau deshalb steigt es unbehelligt bis in die Stratosphäre. Dort zerlegt es die UV-Strahlung, wobei Chlor frei wird, das Ozon in Kettenreaktionen zerstört. Mario Molina und Sherwood Rowland rechneten das 1974 vor und wurden dafür belächelt, bevor sie 1995 den Nobelpreis bekamen. Midgleys erste große Erfindung war übrigens verbleites Benzin. Zwei Volltreffer, beide gut gemeint.
Wer das Loch tatsächlich zuerst sah
Gerechnet war das alles, gemessen nichts. Sehen konnte den Schaden nur, wer ohnehin jeden Frühling in den Himmel schaute — und das taten ein paar Briten in der Antarktis, aus ganz anderen Gründen.
An der Halley-Station der britischen Antarktisforschung wird seit 1957 durchgehend Ozon gemessen. Das Gerät dafür ist ein Dobson-Spektralfotometer: ein schwerer Kasten, den man von Hand auf die Sonne ausrichtet und der aus dem Licht herausrechnet, wie viel Ozon über einem hängt. Die Methode war schon damals ein halbes Jahrhundert alt.
Zuständig war Joe Farman, ein trockener britischer Physiker, dessen größte Sorge über Jahre nicht das Ozon war, sondern der Haushalt. Sein Programm war klein, unspektakulär und stand bei jeder Sparrunde zur Debatte. Farman wollte vor allem eins: dass die Messreihe nicht abreißt.
Anfang der Achtziger fielen die Frühlingswerte plötzlich ab. Nicht ein bisschen, sondern um rund ein Drittel. Farman zog die naheliegende Schlussfolgerung eines Mannes, der ein antikes Gerät bei minus fünfzig Grad betreibt: Das Ding hat einen Defekt. Er ließ ein zweites, neueres kommen. Es zeigte dasselbe. Im nächsten Jahr wieder. Erst als sein Kollege Jon Shanklin die Zahlen für eine Ausstellungstafel zu einem Kurvendiagramm auftrug, war die Sache nicht mehr wegzudiskutieren: Über der Antarktis verschwand jeden Frühling Ozon. Im Mai 1985 stand es in Nature.
Warum der Satellit das Ozonloch nicht meldete
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass drei Briten mit einem Vorkriegsinstrument etwas fanden. Sondern dass zur selben Zeit ein NASA-Satellit denselben Himmel vermaß — Tag für Tag, mit einem Budget, gegen das das britische Ozonprogramm wie Kleingeld aussah — und nichts meldete.
Der Satellit hatte es gesehen. Seine Auswertungssoftware war nur so eingestellt, dass sie extrem niedrige Ozonwerte als unplausibel einstufte und beiseitelegte. Solche Werte hielt damals kein Modell für möglich, also war ein defekter Sensor die wahrscheinlichere Erklärung. Die Daten wurden nie gelöscht, sie lagen nur auf dem Stapel „später prüfen“.
Als man den Stapel nach Farmans Veröffentlichung durchsah und die Filter abschaltete, war das Loch auf einmal da — und zwar rückwirkend bis in die späten Siebziger. Der Mann, der um sein veraltetes Gerät gebangt hatte, hatte damit bewiesen, dass das modernste blind gemacht worden war. Nicht durch schlechte Technik, sondern durch die Erwartung, was normal ist.
So feierst du den Tag der Ozonschicht
Der Tag hat keine Bräuche, keine Umzüge und kein Gebäck. Er hat dafür etwas, das die meisten Umwelttage nicht haben: eine Erfolgsmeldung. Drei brauchbare Möglichkeiten, ihn zu begehen.
Erstens: den alten Kühlschrank oder die alte Klimaanlage nicht auf den Sperrmüll stellen, sondern zur Sammelstelle bringen — in Geräten von vor 1995 steckt oft noch FCKW, und das entweicht beim Verschrotten. Zweitens: die Geschichte jemandem erzählen, der beim Thema Umwelt gerade nur noch resigniert. Drittens: sich einmal ansehen, was ohne das Abkommen passiert wäre. Modellrechnungen kommen für das Jahr 2065 auf zwei Drittel weniger Ozon weltweit und einen UV-Index, bei dem ein Sonnenbrand in Mitteleuropa nach fünf Minuten anfängt.
Was aus dem Loch geworden ist
Zwei Jahre nach Farmans Aufsatz saßen die Staaten in Montreal am Tisch, und am 16. September 1987 wurde unterschrieben. Das Protokoll wurde seither mehrfach verschärft; die Kigali-Änderung von 2016 nimmt sich zusätzlich die Nachfolgestoffe vor, die zwar das Ozon in Ruhe lassen, dafür aber starke Treibhausgase sind. Sie wird in diesem Jahr zehn.
Das Ozonloch ist nicht weg. Es öffnet sich jeden antarktischen Frühling und schwankt mit dem Wetter. Aber es schrumpft. Die aktuellen Bewertungen erwarten den Zustand von 1980 um 2040 für den größten Teil der Erde, um 2045 über der Arktis und um 2066 über der Antarktis. Nebenbei hat das Abkommen dem Klima geschätzt ein halbes bis ganzes Grad Erwärmung erspart, weil FCKW auch als Treibhausgas gewaltig zuschlägt.
Der entscheidende Moment war nicht die Unterschrift und nicht der Nobelpreis. Es war ein schlecht finanzierter Physiker, der einer Zahl misstraute, sie aber trotzdem aufschrieb — und ein zweites Gerät bestellte, statt das Ergebnis wegzuräumen.
Transparenzhinweis: Texte und Sprecherstimme dieses Beitrags wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.


